Niels Frevert


 
urban urtyp edi­tion fre­itag 13. okto­ber 20 uhr // Auf dem Wun­schzettel seit Jahren weit oben, weil abgründig cool. Sein neues Album heißt „Pseudopoe­sie“ und davon ab  … —  jet­zt machen wir, was wir noch nie gemacht haben, wir schreiben nicht sel­ber, wir übernehmen den Text, der so ist wie Niels Fre­vert, er ist von Tino Hanekamp von “Uebel & Gefährlich”, er geht so weit­er  —  … und davon abge­se­hen, wie hal­luzino­gen dieses Wort Pseuopoe­sie aussieht, ist es natür­lich bemerkenswert, dass ger­ade er, Fre­vert, Held aller Lieddichter/innen deutsch­er Sprache, sein siebtes und schon wieder über­raschen­des Album Pseodopoe­sie nen­nt. Ist das Koket­terie oder hat der ‘ne Krise? Und warum haut er nach seinem Prä-Covid-Erfol­gsal­bum Put­zlicht schon wieder so einen Ham­mer raus? Fra­gen, auf die wir wahrschein­lich mal wieder keine befriedi­gen­den Antworten bekom­men wer­den, denn N. Fre­vert ist nicht zu fassen.

Ich sing´ in einem Käfig, in dem der Algo­rith­mus nicht greift“ // aus ‚Fremd in der Welt’

Es begin­nt schon mit der Einord­nung. Fre­verts Kol­le­gen kriegt man alle zu greifen, bei Niels wird’s vage. Er war schon immer der, der nir­gend­wo so richtig dazuge­hörte. Ein Einzel­gänger, geheimnisvoll und etwas unnah­bar. Ein Fla­neur, der alle paar Jahre mit zwei Hän­den voll Liedern aus der Versenkung erscheint, für Verzück­ung sorgt und wieder ver­schwindet in der Anonymität jen­er Großs­tadt, in der er seine Geschicht­en find­et. Ein Meis­ter der stolzen Melan­cholie, bei dem Worte wie Ein­wegfeuerzeugstich­flamme zur Hook wer­den und jedes Lied der Welt einen Blick abgewin­nt, einen Moment oder eine For­mulierung, die man nicht mehr ver­gisst. Zu fein für’s For­ma­tra­dio, zu ver­wirrend für den Algo­rith­mus.

Der Bruch kam mit dem 2019 erschiene­nen Album Put­zlicht. Mit dem erfand sich Fre­vert nach fünf Jahren Pause qua­si neu, streifte das Korsett des Lie­der­ma­ch­ers ab. Plöt­zlich war alles größer und druck­voller, als hät­ten The War On Drugs seine Schreibklause gestürmt. Pseudopoe­sie knüpft da an und geht noch weit­er – auch dank des neuen Fre­vert-Pro­duzen­ten Tim Tau­torat (Faber, Prov­inz, Tris­tan Brusch).

Das Schwarze an deinem Handge­lenk, ist das Kajal?“ // aus ‚Waschbeck­en­rand’

Bestes Beispiel für die Wand­lung ist ‚Weite Land­schaft’, der Open­er und die erste Sin­gle. Es begin­nt wie ein Fre­vert-Stück von früher, eine dieser aufrecht an der Liebe verzweifel­nden Bal­laden – dann kippt’s, fällt auf die Füße und ren­nt los. ‚Fremd in der Welt’ (Fre­vert über Fre­vert?) ist ein Hit, ‚Waschbeck­en­rand’ eine Miniatur mit uni­verseller Wucht, wie sie nur Fre­vert schreiben kann, das umw­er­fende ‚Träume hören nicht auf bei Tage­san­bruch’ eine radio­head­sche Elegie auf die Sehn­sucht, das „Klap­pern von Geschirr’ die Fort­set­zung von ‚Wind in deinem Haar’ von Put­zlicht.

Mehr denn je richtet sich sein Blick auf das Weit­er­ma­chen hin­ter den Fen­stern der Großs­tadt­woh­nun­gen, in denen viele sein­er Geschicht­en spie­len – diese hochverdichteten Momen­tauf­nah­men, in denen ganze Leben steck­en. Fre­verts Lieder feuern nicht zum Durch­hal­ten an, spenden keinen Trost und geben keinen Rat. Sie leg­en san­ft den Fin­ger auf die Wunde, da wo Träume verküm­mern und Herzen ver­härten, schieben dich sachte zur Tür und lassen dich da ste­hen mit dem Schlüs­sel in der Hand.

Das ist große, zuweilen fast schmerzhaft schöne Pop­musik, die das Leben und die Men­schen ernst nimmt, aus Alltäglichkeit­en das Dra­ma unser­er Exis­tenz schält und neuerd­ings immer einen Ausweg bere­i­thält: den radikalen Neuan­fang, die Flucht in ein neues Leben, so als Idee …

Warum jedoch das vielle­icht schon wieder beste Niels-Fre­vert-Album aller Zeit­en aus­gerech­net Pseudopoe­sie heißt, ist eine dieser Fre­vert-Fra­gen, mit der wir uns einen Zopf drehen kön­nen. Ist es der dritte Teil ein­er P‑Trilogie, die aus den Alben Paradies der gefälscht­en Dinge, Put­zlicht und Pseudopoe­sie beste­ht? Meint das Pseu­do die Zweifel des Dichters an seinen Tex­ten? Oder ist es so eine Art Meta-Mit­telfin­ger an den Main­stream? Wie auch immer: Dieses an sich inter­es­sante Wort wirkt etwas deplatziert auf diesem Album, schmälert den Genuss des­sel­ben aber in kein­er Weise.

Der Blick ist weit und die Sehn­sucht groß / Und jed­er Mor­gen ein neuer Ver­such“ // aus ‚Träume hören nicht auf bei Tage­san­bruch’

Er sei „eigentlich auch ein ganz nor­maler alle dreiein­halb Jahre neues Album Typ“, sagt er sel­ber. Es sei denn, es gibt eine harte Krise, dann dauert es schon mal eine halbe Dekade. Pseudopoe­sie erscheint 3,5 Jahre nach seinem Vorgänger – ein Hin­weis. Außer­dem wollte Fre­vert möglichst schnell wieder auf Tour. Und sein neuer Pro­duzent Tim Tau­torat ist auf Zack – ver­liert keine Zeit, liebt das Risiko und spielt Stre­icher­arrange­ments ein­fach mal selb­st ein. So kam es, dass Pseudopoe­sie in nur sechs Wochen ent­stand – die kürzeste Albumpro­duk­tion­sphase seit dem Fre­vert-Debüt von 1997.

Aufgenom­men hat er die zehn neuen Lieder mit der Live-Beset­zung von Put­zlicht – das erste Mal, dass seine Band zwis­chen zwei Alben kom­plett zusam­men­bleibt. Niels Fre­vert scheint angekom­men zu sein: zwis­chen den Stühlen, auf der äußeren Umlauf­bahn oder ein­fach nur auf dem Weg zum ewigen Weit­er. Ver­suche, ihn zu fassen und er lässt los, macht nen zweiein­halb­fachen Salto unter der Zirkuskup­pel ohne Netz, lan­det in seinem Glitzer­trikot, singt dir das Herz auf und ist wieder weg.“

 
fre­itag 13. okto­ber | 20 uhr
hier gibt es tick­ets
oder unseren room­ser­vice nutzen: mail an tickets@urbanurtyp, wir reservieren

2 Kommentare zu diesem Artikel

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *